Es beginnt beim Gewöhnlichen. Ein Atemzug. Das Geräusch eines Autos auf der Straße. Der Kaffee, der neben dem Laptop kalt wird. Ein Gedanke, der seit Tagen im Kopf ist und sich nicht auflösen lässt. All das ist unscheinbar. Und doch geschieht in jedem dieser Momente etwas, das wir meistens übersehen. Der Atem wird gespürt. Das Geräusch wird gehört. Der Gedanke ist bereits gewusst, bevor wir ihn beurteilen. Dieses gegenwärtige Erleben, in dem alles erscheint, nenne ich Offene Weite.
Ich schreibe diesen Text als Grundlage. Alles, was hier folgen wird, die Sonntagstexte, Meditationen, Betrachtungen und Hinweise zu Seminaren, kommt aus diesem Verständnis. Offene Weite sind meine Worte für das, was immer schon da ist, bevor wir etwas daraus machen. Sie ist keine Idee über das Leben. Sie ist das Erleben selbst, unmittelbar, gegenwärtig und offen.
Was ich mit Offener Weite meine
Wir erleben uns die meiste Zeit als begrenztes Ich, oft angespannt, suchend, verteidigend und kontrollierend. Wir halten uns für unsere Geschichte, für unsere Rolle, für unsere Angst, für unsere alten Verletzungen oder für das Bild, das andere von uns haben. Das ist die gewohnte Art, Mensch zu sein. Und doch ist in jeder Erfahrung noch etwas anderes da. Wenn Enge da ist, wird die Enge gespürt. Wenn Angst da ist, ist die Angst bereits gewusst. Wenn ein Gedanke auftaucht, erscheint er in einem Erleben, das weiter ist als der Gedanke selbst. Das Spüren und das Gespürte stehen sich nicht gegenüber. Sie sind ein einziges Geschehen. Die Enge erscheint in dieser Weite, so wie das Geräusch von der Straße in ihr erscheint. Sie muss nicht bekämpft werden. Sie muss nicht weggeschoben werden. Sie wird gesehen, und im Sehen ist sie schon nicht mehr das Ganze.
Offene Weite ist deshalb kein Zustand, den man herstellen muss. Sie ist keine spirituelle Leistung und kein Ideal, dem wir entsprechen sollen. Sie ist schon da, bevor wir etwas dafür tun. Die Texte, die hier erscheinen werden, stellen sie nicht her. Sie machen darauf aufmerksam. Und sie gehört niemandem. Sobald ein Ich sagt: Ich bin offen, ich bin weit, ich habe verstanden, wird aus der Weite wieder eine feine Form von Enge. Aus Erkenntnis wird Identität. Aus Praxis wird Selbstbild. Die Offene Weite, um die es hier geht, entzieht sich genau dieser Vereinnahmung.
Drei Wurzeln meiner Arbeit
Meine Sicht hat drei Wurzeln. Ich nenne sie, weil sie mich geprägt haben, nicht, um ein neues System zu bauen. Aus dem Zen kommt die Klarheit, ohne Festhalten zu sein, ohne heilige Vorstellung, ohne Bild von Erwachen und ohne spirituelle Identität. Zen kann sehr nüchtern sein. Gerade darin liegt seine Schönheit. Es nimmt dem Ich die Möglichkeit, sich mit Tiefe zu schmücken. Was bleibt, ist unmittelbar: sitzen, atmen, hören, schauen, nicht wissen. Aus dem Advaita Vedanta kommt die Erkenntnis, dass das, was alle Erfahrung bemerkt, selbst nicht durch die Erfahrung begrenzt ist. Gedanken kommen und gehen. Gefühle kommen und gehen. Rollen und Lebensphasen kommen und gehen. Das Erkennen, in dem all das erscheint, wird nicht selbst zu einem der Dinge, die erscheinen. Hier bekommt Offene Weite eine andere Färbung. Sie ist Bewusstsein, das von nichts getrennt ist. Sie ist die Fülle des Seins selbst. Friede und Freude, tiefer als jede Stimmung.
Aus dem kaschmirischen Shivaismus kommt die Wärme des Lebens. Bewusstsein ist hier nicht nur Stille. Es ist wach, schöpferisch und in Bewegung. Diese Wirklichkeit liegt nicht außerhalb des Lebens. Sie erscheint als Körper, Atem, Klang, Berührung, Beziehung, Kunst und Freude. Der Körper ist keine leblose Materie, in der ein Bewusstsein wohnt. Er ist lebendiges Bewusstsein in fühlbarer Gestalt. Die Welt wird als Ausdruck erkannt. Es gibt dafür ein altes Wort: Spanda. Es meint die feine Schwingung, mit der das Leben pulsiert. Offene Weite ist dann Raum und Puls zugleich, Sein und Ausdruck. So lässt sich die Grundlage meiner Arbeit einfach zusammenfassen: Zen entleert, Vedanta erkennt, der kaschmirische Shivaismus verkörpert. Anders gesagt: Leere ohne Festhalten, Bewusstsein ohne Trennung, Leben ohne Ausschluss. Diese drei Hinweise fügen sich für mich nicht zu einem System. Sie bleiben drei unterschiedliche Stimmen. Doch sie öffnen gemeinsam eine Erfahrung, die unmittelbar ist und im Leben geprüft werden will.
Im Alltag
Offene Weite ist dabei mehr als Entspannung. Entspannung kann auftauchen, aber Offene Weite ist tiefer als ein angenehmer Zustand. Sie ist auch keine Gleichgültigkeit. Gerade weil nichts festgehalten werden muss, kann das Leben klarer erfahren werden. Sie führt nicht aus der Welt heraus. Sie führt tiefer in das Leben hinein. Dunkelheit, Unruhe, Angst und Schmerz müssen nicht ausgeschlossen werden. Sie dürfen erscheinen. Freude, Nähe, Liebe und Stille dürfen ebenfalls erscheinen. Offene Weite zwingt nichts ans Licht und macht aus Spiritualität kein schönes Bild. Sie erlaubt dem Leben, so zu erscheinen, wie es sich gerade zeigt. Alles darf erscheinen, und nichts muss zur endgültigen Identität werden. Im Alltag beginnt die Praxis sehr einfach. Ein Mensch bemerkt: Ich bin eng. Ich halte fest. Ich will kontrollieren. Ich halte mich für meine Angst, für meine Geschichte, für meine Rolle. Dann braucht es zuerst kein großes inneres Programm. Es genügt, zu sehen. So ist es gerade. Die Enge ist bereits gewusst. Sie erscheint in etwas, das selbst nicht eng ist. Die Angst wird nicht bekämpft. Der Körper wird nicht überwunden. Die Welt wird nicht abgewertet. Alles bleibt, was es ist, und wird zugleich als Leben erkannt, spürbar im Körper und in jedem Atemzug.
Das ist kein Programm in drei Schritten. Es ist ein einziges Geschehen, das ich hier nur der Klarheit wegen auseinanderlege. Für mich ist gelebte Nondualität kein Rückzug aus der Welt. Sie ist eine Einladung, tiefer im Leben anzukommen, wacher, weiter und durchlässiger. Sie hebt Verantwortung nicht auf. Sie vertieft sie. Das Handeln, das aus dieser Klarheit kommt, ist nicht mehr so stark von Mangel getrieben. Es kann lieben, ohne zu besitzen. Es kann Nein sagen, ohne hart zu werden. Es kann empfangen, ohne festzuhalten. Es kann sich mit allem und jedem teilen, weil es sich nicht mehr als getrenntes Zentrum behaupten muss. Dies ist die Grundlage meiner Arbeit: kein Dogma, sondern eine Orientierung, kein System, sondern ein Erfahrungsweg. Von hier aus schreibe ich jeden Sonntagmorgen, beginnend beim Gewöhnlichen, bei einem Atemzug, bei einem Gefühl, bei einem Geräusch von der Straße, bei dem, was gerade ist. Offene Weite ist kein Ort, den wir erreichen. Sie ist das, was sichtbar wird, wenn das Festhalten nachlässt. Sie ist nicht fern. Sie ist nicht besonders. Sie ist kein Besitz. Sie ist die stille Offenheit dieses Augenblicks und das feine Schwingen des Lebens, das sich in allem zeigt: im Atem, im Körper, im Hören, in Beziehung, in Kunst, in Freude, in Stille und in dem, was jetzt ist.



Lieber Vilas, Danke für das Teilen dieser Einleitung und Zusammenfassung der Wurzeln deiner Arbeit. Ich freue mich auf das, was du nächsten Sonntag mit uns teilen wirst.
Danke dir lieber Vilas für dein Teilen - Gedanken die imich eine Weile begkeiten werden.